Geschichte und amerikanischer Einfluss der Lions-Bewegung
von Yvonne Kohn-Wolf, DG 111-FON 2000/2001, Auszug aus dem Handbuch für Lions
Über 80 Jahre Lions Clubs International, mehr als 50 Jahre Lions Clubs in Deutschland sind es wert, ein bisschen in der Geschichte des „menschenfreundlichen Löwen aus Chicago“ zu blättern. Üblicherweise wird dies aus Anlass von Charterjubiläen gemacht. Schwerpunkt ist hier jedoch in der Regel die Clubchronik. Unsere „internationale Geschichte“ ist dabei allenfalls Einleitung oder Annex. Aber gerade das Wissen um die Entstehung von „Lions“ vor fast 90 Jahren im amerikanischen Mitelwesten und die weitere Entwicklung bis zu den USA des neuen Jahrtausends fördert ein kosmopolitisches Lionsverständnis. Mehr denn je ist es angesichts der Krisenherde dieser Welt die Grundlage für internationale Freundschaft und eine expansive weitere Entwicklung unserer Organisation. Wer sich der historischen Bedingtheit – also der Einbettung in Ort, Zeit und Verhältnisse der kontinuierlichen weltweiten Clubgründungen – bewusst ist, pflegt Toleranz. Diese ist „sine qua non“ für ein weltumspannend-erfolgreiches lionistisches Leben und Wirken.
Doch werfen wir, wie auch unser Symbol, der Lions-Löwe – übrigens von einer Frau, der Tiermalerin Rosa Bonheur 1921 kreiert –, einen Blick zurück auf unsere Wurzeln.
Die Gründung
Am 24. Oktober 1916 wurde in Indiana auf Antrag des Arztes Dr. William Wood „The International Association of Lions Clubs“ als „non-profit-corporation“ in das Vereinsregister des Staates Indiana eingetragen. Sein Programm war humanitärer Art.
1917 trat dann der „Business Circle of Chicago“, dessen Vorsitzender Melvin Jones war, dieser Vereinigung, die bereits 35 Clubs hatte, neben anderen so genannten „Luncheon Clubs“ bei. Denn Melvin Jones hatte am 7. Juni 1917 zu einem Treffenunabhängiger Clubs und Vereinigungen u. a. auch die von Dr. Woods eingeladen, da ihm ein Zusammenschluss einer landesweiten humanitären Hilfsorganisation vorschwebte.
Auf dem ersten Lions-Kongress 1917, der in Dallas/Texas stattfand, wurde Dr. Woods zum ersten Präsidenten gewählt. Dank der hervorragenden Unterstützung durch Melvin Jones und sein außergewöhnliches jahrzehntelanges Engagement wurde Melvin Jones der Vater der Lions-Idee und geht als „Gründer“ in die Lions-Geschichte ein.
Die Zielsetzung
Die Business Circles damaliger Tage hatten nur die Förderung eigener Geschäftsinteressen, allenfalls die Unterstützung in Not geratener eigener Mitglieder zum Zweck. Das Neue an „Lions“ war der – neben dem natürlich bleibenden Businessgedanken – nun im Vordergrund stehende humanitäre Aspekt sowie eine clubübergreifende, systematische Hilfsbereitschaft mit größeren Projekten. „Think big“ würde man diese Vision heute nennen.
Der politische Hintergrund
Melvin Jones ist ein Symbol für den von Historikern später geprägten Begriff des „organized altruism“, also des persönlichen Einsatzes für soziale Hilfsmaßnahmen.
Angesichts legislativ spät einsetzender staatlicher Fürsorge und nach wie vor nicht ausreichender sozialer Sicherungssysteme in den USA war und ist diese „private Fürsorge für Arme und Hilfsbedürftige“ von großer Bedeutung. Auch heute gehört „Charity“ zum guten Ton der amerikanischen Gesellschaft.
Kennedys weltberühmter Satz: „Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern was du für den Staat tun kannst“, ist unmittelbarer Ausfluss dieses sozialen und geistigen Klimas und Denkens. Private Hilfe war und ist patriotische Pflicht.
Der deutsche Sozialstaatsgedanke
In Deutschland hingegen gab es durch die Sozialgesetzgebung Bismarcks schon eine Generation vor den Amerikanern staatliche Fürsorge. Sie wurde stetig und konsequent ausgebaut, so dass wir heute eher unter einem finanziellen „Zuviel an Sozialstaat“ leiden. Allein hieraus resultiert schon mancher „Bewertungsunterschied“ von lionistischem Handeln in den USA und in Europa.
Unterschiede gibt es auch im Clubleben und lionistischem Miteinander – und die machen Lions so spannend und interessant. Wie prägte Melvin Jones die neuen Lions Clubs?
Der Lebenslauf des „Gründers“ Melvin Jones
Melvin Jones war ein Mann mit Charisma und Visionen. Geboren 1879 in einem kleinen Fort der US-Armee im menschenleeren Arizona, erlebte er als kleiner Junge den blutigen und grausamen Krieg zwischen Pionieren und Apachen, die hier ihr Lebens- und Jagdgebiet hatten. Mit seiner Schulbildung der dortigen Sonntagsschule, etwas Lesen, Schreiben, Rechnen, einer intensiven Kenntnis der Bibel und einer bescheidenen Lebensweise in der Familie brachte er es dennoch innerhalb kurzer Zeit zum Millionär. Mit 20 Jahren trat er in eine Chicagoer Versicherung ein, mit 34 wurde er deren alleiniger Inhaber, mit 47 war er reich genug, sich zur Ruhe zu setzen und ganz Lions zu widmen. Seine Lebensleistung für Lions beruht auf einem jahrelangen unermüdlichen Einsatz und einer unglaublichen Omnipräsenz.
Das amerikanische Denken
Jones verwirklichte und verkörperte den „amerikanischen Traum“. Gläubigkeit, Fleiß, Disziplin, Zielstrebigkeit, zupackende Hilfsbereitschaft, das sind Pioniereigenschaften, die Amerikaner schätzen. Hinzu kommt die Bewunderung für den Selfmademan, den Buben aus kleinen Verhältnissen, der es zum redegewandten Topmanager, zum wohlhabenden Mann gebracht hat und sich auch noch für das soziale Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Der Dienst am Nächsten („Service“) gehörte zum Geschäftsleben. Man tat es und man redete darüber, damals wie heute.
Offener Stolz auf Eliten, Respekt vor der Leistung eines jeden, die „Just-do-it“¬Mentalität, basierend auf tiefer, christlicher Menschlichkeit, unbekümmertes Marketing des Service-Gedankens, keine Angst vor Mitglieds-Quantität („the bigger – the better“), dies alles führte zu einer raschen Ausbreitung des Lionismus.
Der „Code of Ethics“ und „Die Ziele“
Zugegeben, der Code of Ethics von 1917 ist aus den damaligen Verhältnissen zu interpretieren. Mehr als die Hälfte des Codes beschäftigte sich mit „kaufmännischer Geschäftsmoral“. Erst danach kommen die Leitlinien für die uns heute so wichtigen Activities und ein menschliches Miteinander. „Die Ziele von Lions Clubs International“ wurden erst sehr viel später formuliert.
Die Akzente haben sich verschoben und die Lions Clubs anno 1920 in Chicago sind anders als die von heute in Deutschland, Europa, Afrika oder Asien. Aber das Postulat von Freundschaft, Toleranz, absoluter Integrität und Menschlichkeit gilt auch heute noch.
Die Ausbreitung von Lions außerhalb der USA
So verwundert es nicht, dass bald auch der erste Club außerhalb der USA in Kanada entstand. Weitere folgten in Mexiko, Südamerika, China und Asien sowie seit 1948 (Stockholm/Schweden) auch in Europa. 1951 war schließlich die erste Clubgründung in Deutschland (Düsseldorf).
Die erste Clubgründung in Osteuropa erfolgte 1988 in Budapest/Ungarn, also noch zu Zeiten des „Ostblocks“.
Heute setzen weltweit knapp 1,4 Mio. Mitglieder in rd. 46 000 Clubs in 192 Ländern die Lionsidee um. Europa hat ca. 9300 Clubs mit etwas mehr als 271 000 Mitgliedern, Deutschland ca. 1270 Clubs mit mehr als 42 000 Lionsfreunden.
Der Status bei den Vereinten Nationen
Lions Clubs International zählt zu den größten und sicherlich geschätztesten NGOs, also Non-Government-Organisations, und hat beratende Funktion bei den Vereinten Nationen.
Die Geschichte der Frauen bei Lions
Die Männer der 1. Convention 1917 in Dallas waren mutig. Sie beschlossen eine mögliche Mitgliedschaft auch für Frauen. Laut Protokoll heißt es: „to open membership to women as well as businessmen.“ Leider ist nichts darüber bekannt, warum dies schon ein Jahr später wieder geändert wurde. Erst seit 1987 – dem Internationalen Kongress in Taipeh – können auch wieder Frauen aufge¬nommen werden. Eine diesbezügliche Ver¬pflichtung der Clubs besteht jedoch nicht. Daher ist der in der Vergangenheit meist beschrittene Weg die Gründung von gemischten oder reinen Damen-Clubs (zurzeit im GD 111:249 gemischte, 56 Damen-Clubs). Aktuell beträgt der Frauenanteil bei Lions weltweit im Durchschnitt knapp unter 12 Prozent, in Deutschland ca. 4 Prozent. Bei dem Internationalen Kongress 2003/ 2004 in Denver wurde ausdrücklich verlaut¬bart, die weltweiten Bemühungen, Frauen als Lionsmitglieder aufzunehmen, deutlich zu intensivieren.
Das Resümee aus der Historie
Lions ist eine amerikanische Schöpfung und dieser Geist wurzelt seit rund 90 Jahren immanent als unverkennbares Element in vielen Erscheinungsformen des „Lionismus“. Dennoch, die Welt bewegt sich und eine Organisation wie Lions muss sich mitbewegen, wenn sie lebensfähig, modern und attraktiv bleiben will. Die Lions sind Männer und Frauen, jung und alt. Sie gibt es im Outback von Australien, im Hinterland Brasiliens ebenso wie in den großen Metropolen New York, Buenos Aires, Tokio, München oder London. Sie sprechen hunderte von Sprachen, haben verschiedene Hautfarben, Abstammung, Religion oder Kultur.
Aber sie teilen eine gemeinsame Gesinnung, basierend auf einer Idee, die sich weltweit als tragfähig erwiesen hat:
WE SERVE – WIR DIENEN